Adolf Mett

Gedanken und Erinnerungen

Erstes Buch:

In jenen Tagen.

1.          Teil: Der Schachclub Osterrönfeld

1. Philosophische Betrachtung.

 Ein bekanntes Wort sagt: „Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.” Jedoch ist es wohl nur selten möglich die Zusammenhänge  der einzelnen Geschehnisse sofort richtig zu erkennen. Erst in der Rückschau werden Ur4sache und Wirkung in ihrem tatsächlichen Zusammenhang erkannt und offenbar. So ist auch die Entstehungsgeschichte  der Schachgesellschaft „Union” Rendsburg geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie zunächst unbedeutende, kleine und kaum bemerkte Geschehnisse durch ihr Vorhandensein und ihr Zusammenwirken schliesslich zu einem grossen Ereignis werden können. In unserem Falle führten solche zunächst kleinen Ereignisse schliesslich zur Gründung der Schachgesellschaft „Union” Rendsburg und bewirkten darüber hinaus eine vollständige Umwälzung des Rendsburger Schachlebens. Die nun geschilderten Vorgänge spielten sich zum grössten Teil in den Jahren 1953/54/55 ab, doch sei es mir – des besseren Verständnisses der inneren Zusammenhänge wegen – gestattet auch die davor liegende Zeit kurz zu streifen.

2. Ein Landverein.

 Um den Leser ein möglichst genauen Überblick zu vermitteln, muss ich also zunächst kurz mit der Entstehung des Schachklubs Osterrönfeld bekannt machen, da ja dieser gewissermassen die Keimzelle der Schachgesellschaft „Union” Rendsburg ist.

Der Schachklub Osterrönfeld ( im folgenden Kurz S.K.O. genannt ) wurde nach Beendigung des 2. Weltkrieges gegründet. Da sich nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren ein allgemeines gesellschaftliches Bedürfnis überall in der Bevölkerung bemerkbar machte, zählte der S.K.O. schon bald ca. 60 Mitglieder. Wenn auch ein grosser Teil derselben nur passive Mitglieder waren, so konnte der Verein jedoch auch eine aktive Mannschaft aufweisen, die demnächst in ihrer Spitze einige sehr gute Spieler hatte.

Im Laufe der Jahre, besonders bedingt durch die Währungsreform verringerte sich der Mitgliederbestand und zwar waren es hauptsächlich die passiven Mitglieder, die den Verein schliesslich wieder verliessen. Was blieb bildete den eigentlichen wertvollen Kern des Vereins. Wenn der S.K.O. auch nur ein Landverein war, so war er doch in jener Zeit ein durchaus ernstzunehmender Gegner. Er war wohl keiner von den ganz Grossen, doch stand er in seiner Kategorie mit an führender Stelle und manche siegreiche Schlacht zeugt von dieser seiner Vergangenheit.

3. „Funktionäre” stark gefragt.

 Als ich im Jahre 1951 dem S.K.O. beitrat, hatte er einige seiner prominenten Spieler durch Umsiedlung u.ä. verloren. Herr Donde, der Initiator des Vereins war ebenfalls aus beruflichen Gründen verzogen und es machte sich – wenn auch wohl von sehr wenigen beachtet – doch eine leichte Krise bemerkbar. Wenn auch unter den Mitgliedern ein guter kameradschaftlicher Geist herrschte, so fiel mir doch ein gewisser Mangel an Organisation und Disziplin besonders auf.

Ich habe stets die Meinung vertreten, dass gerade in einem Schachklub eine straffe Organisation unbedingt notwendig ist. Denn nur dann wenn jeder Spieler weiss, dass auf organisatorischen Gebiet alles in Ordnung ist, erst dann kann er sich wirklich ganz unbeschwert seiner Aufgabe widmen, und alle seine spielerischen Qualitäten freier entfalten. Gerade im Schach wird nur ein organisatorisch gut geleiteter Verein die Spielstärke seiner Mitglieder ständig steigern und somit auf die Dauer Erfolge erringen können. Der beste Beweis für diese meine Behauptung sind die Siege unserer Schachgesellschaft Union Kaffeehausspieler brauchen nicht geschult zu werden, ja sie lehnen jegliche Schulung geradezu ab. Wirkliche Könner und Kämpfer anzuziehen, sie systemat5isch zu fördern und ihr Können schliesslich dem Verein nutzbar zu machen, das ist nur jenen Vereinen vorbehalten die an ihrer Spitze Männer haben, denen die Sache alles und die eigene Person nichts ist.

War ich dem S.K.O. mit dem Gedanken beigetreten meine Spielstärke zu verbessern und eben nur Schach zu spielen, so sah ich mich nun sehr bald vor die Aufgabe gestellt dem Verein in erster Linie auf andere Weise zu dienen. Es fehlte dem Verein – bei allen guten Willen einiger weniger – doch an Leuten die gewillt und fähig waren jene Aufgaben zu übernehmen, die nun einmal notwendigerweise mit der Leitung eines Vereins verbunden sind. So diente ich dem S.K.O.  in den nun folgenden Jahren in den verschiedensten Funktionen. Als Turnierleiter, Kassierer, Schriftführer, 2. Vorsitzender, ja manchmal war ich alles gleichzeitig zusammen, weil einfach niemand sich dieser Aufgabe unterziehen wollte. Besonders in der späteren Zeit, als Herr Dahm das Amt des 1. Vorsitzenden innehatte, musste ich auch noch meistens die Pflichten des 1. Vorsitzenden übernehmen, da Herr Dahm dieser Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen war. Die Führung des Vereins wurde auch dadurch noch erheblich erschwert, dass an der Spitze des Landesverbandes Schleswig-Holstein als 1. Vorsitzender ein Mann sass, von dem man nicht die geringste Unterstützung bekam.

4. Reorganisation.

 Im Laufe der nun folgenden Zeit gelang es mir die vorhandenen Kräfte zu sammeln und straffer zusammenzufassen. Nach anfänglichen Zögern und nachdem erst einmal das Trägheitsmoment überwunden war, machten meine Klubkameraden dann auch mit und nur durch die verständnisvolle Mitarbeit meiner Kameraden war es mir überhaupt möglich das Ziel anzustreben, das mir vorschwebte: nämlich den Verein so stark zu machen wie es im Rahmen der Gegebenheiten und mit den vorhandenen Kräften überhaupt möglich war. Solange wir als 1. Vorsitzenden Herrn Sieck an unserer Spitze hatten, herrschte auch in dieser Hinsicht im Vorstand eine gute und optimistische Stimmung und gute Zusammenarbeit. Als dann jedoch Herr Sieck durch einen Betriebsunfall gezwungen war aus der Vereinsarbeit auszuscheiden und Herr Dahm die Geschäfte des 1. Vorsitzenden übernahm, konnte von einer gemeinsamen Zielsetzung innerhalb des Vorstandes kaum noch die Rede sein. Hinzu kam noch etwas anderes, was mir doch grosse Sorgen bereitete. Dies war die Tatsache, dass wir langsam aber sicher immer Weniger wurden. Immer mehr Mitglieder verzogen in andere Gegenden Deutschlands und gingen dem Verein verloren. Schliesslich hatte sich unser Mitgliederbestand soweit verringert, dass an den Vereinsturnieren höchstens 12 Spieler teilnahmen. Diese wenigen jedoch standen fest und treu zum Verein und zu den von mir angestrebten Zielen. Während die anderen Landvereine des Schachkreises Rendsburg sich längst aufgelöst hatten, war der S.K.O. doch immer noch da und wir führten ein reges und geordnetes Vereinsleben. Wir führten unsere jährlichen Winterturniere durch, beteiligten uns an den Ausscheidungskämpfen zur Kreismeisterschaft und führten darüber hinaus auch Freundschaftskämpfe mit anderen Vereinen durch. Es herrschte also trotz unserer kleinen Mitgliederzahl ein reges Schachleben.

5. Chaos.

 So standen die Dinge als ich im Anfang des Jahres 1953 wegen eines Kriegsleidens eine Kur antreten musste. Das Winterturnier 1952/53 war beendet. Alle Pläne für das schachliche Geschehen in den nächsten Monaten standen fest und so übergab ich den Verein in guten und geordneten Zustand Herrn Dahm. Bei meiner Rückkehr im Juli 1953 fand ich ein Chaos vor. Von einem geregelten Vereinsleben konnte überhaupt keine Rede mehr sein. Von Seiten  des 1. Vorsitzenden Herrn Dahm war nicht das geringste getan worden. Es war bei uns z.B. stets so dass die 3 Spieler des voraufgegangenen Winterturniers sich das Recht erworben hatten vom Verein zu den Kreiseinzelmeisterschaften gemeldet zu werden. Auch fand bei uns stets nach Beendigung des Winterturniers eine Siegerehrung statt. Dabei wurden der 1. Sieger durch Verleihung einer Urkunde und einer silbernen Vereinsnadel und die beiden nächsten durch Verleihung einer Urkunde ausgezeichnet. Alles dieses hatte Herr Dahm versäumt. Er hatte aus persönlichen Ansichten heraus die dazu berechtigten Spieler nicht zur Teilnahme an den Ausscheidungskämpfen gemeldet, weil er, wie er mir sagte der Ansicht war, dass dieselben dort „doch nichts werden könnten”. Durch seine passive Haltung war es dann schliesslich dazu gekommen, dass auch keine regelmässigen Spielabende mehr stattfanden.

Das schlimmste jedoch war, dass der S.K.O. wegen rückständiger Beiträge aus dem Verband ausgeschlossen worden war ohne dass Herr Dahm irgend etwas in dieser Hinsicht unternommen hatte. Ich stand also praktisch vor den Trümmern meines Vereins. All dies erschien mir damals natürlich als ein grosses Unglück und erst heute in der Rückschau wird es mir klar, dass dieses scheinbare Unglück auch nur ein Teilchen dessen gewesen ist was notwendig war um danach im Zusammenwirken mit anderen Begebenheiten schliesslich das grosse Ereignis werden zu lassen.

6. Neuer Beginn

 War ich nun also von den vorgefundenen Verhältnissen sehr betroffen, so war ich jedoch nicht entmutigt und mit Hilfe meiner Vereinskameraden, die meine Rückkehr freudig begrüssten, gelang es mir dann auch mit einem Häuflein Unentwegter wieder einen geregelten Spielbetrieb aufzuziehen. Zu dieser Zeit erhielt nun Herr Dahm - der ja nominell immer noch 1. Vorsitzender war – vom damaligen Bezirksvorsitzenden Herrn Friedrich Leifke ein Schreiben. In diesem Schreiben wurde Herr Dahm zu einer Aussprache mit Herrn Leifke gebeten. Der Zweck dieser Besprechung sollte eine Wiederaufnahme  des S.K.O. in den Verband sein. Auch in dieser Angelegenheit, die ja doch für den Verein von entscheidender Bedeutung war, verhielt sich Herr Dahm unverantwortlich passiv und leistete der Einladung keine Folge. Schliesslich nahm ich die Sache selbst in die Hand und suchte Herrn Leifke in seiner Wohnung auf.

7. Begegnung mit einem Idealisten

 Dass ich damals – veranlasst durch das erwähnte passive Verhalten Herrn Dahms – schliesslich selbst die Initiative ergriff, war wieder einer jener Zufälle die – an sich für die Allgemeinheit bedeutungslos – für die davon betroffenen jedoch von entscheidender Bedeutung werden können. Dieses Zusammentreffen mit Herrn Leifke erwies sich denn auch wieder als ein – damals natürlich noch nicht erkannter – Baustein zur späteren Gründung der Schachgesellschaft „Union” Rendsburg; denn aus dieser unserer ersten Begegnung entwickelte sich später eine gute Zusammenarbeit  und ein gemeinsam geführter Kampf.

In Herrn Leifke fand ich einen Mann, wie ich ihn mir für das Schachleben immer erträumt, jedoch bis dahin nicht gefunden hatte. Ich fand einen Mann, der aus reinem Idealismus und aus Liebe zur Sache alles tat was nur irgend getan werden konnte. Ich habe im Laufe der folgenden Zeit oft erlebt wie Herr Leifke bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung für die Sache tätig war. Damals bei unserem ersten Zusammentreffen war mir Herr Leifke natürlich noch ein Unbekannter. Doch hatten wir schon nach kurzer Zeit sofort Kontakt miteinander gefunden. Ich spürte hier war wirklich einmal der richtige Mann auf dem richtigen Platz. Hier war wirklich ein Idealist. Ich war angenehm überrascht einen solchen Idealisten als Bezirksvorsitzenden vorzufinden. In dieser Hinsicht waren wir nämlich wirklich nicht verwöhnt worden; denn war schon die Zusammenarbeit mit der obersten Spitze des Landesverbandes Schleswig Holstein nicht gerade leicht, so war von den Vorgängern des Herrn Leifke, nämlich den Herrn Reimann, Neumünster, bezw. Ratzburg, Rendsburg, niemals auch nur das geringste getan worden, um den schachlichen Leben im Bezirk oder Kreis irgendwelchen Auftrieb zu geben.

Herr Leifke setzte sich denn auch dafür ein, dass beim S.K.O. die Beitragsrückstände erlassen und der Verein wieder in den Verband aufgenommen wurde. Damit hatte der S.K.O. wieder eine sichere Grundlage erhalten. Er konnte nun in Zukunft wieder an den Turnieren innerhalb des Landesverbandes teilnehmen. Darüber hinaus leistete Herr Leifke unserem Verein auch tatkräftige Hilfe indem er uns umfangreiches Lehrmaterial zur Verfügung stellte und mir Anbot durch Vorträge, Lehrpartien, etc. in den Wintermonaten, das Spielniveau des S.K.O. zu heben. Wir konnten also zufrieden sein und hatten guten Grund optimistisch in die Zukunft zu sehen.

Im August 1953 fand unsere jährliche Generalversammlung statt. Zu dieser Generalversammlung wurde mir von meinen Klubkammeraden ihr volles Vertrauen dadurch ausgesprochen, dass ich von ihnen einstimmig zum 1. Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde. Das Amt des 2. Vorsitzenden erhielt Herr Greve.